In Togo eine andere Welt erfahren

  • Aus dem „Weser-Kurier“ vom 25. Februar 2008

Bremer Lehramtsstudentin lebte fünf Monate in einem Dorf mit 200 Waisenkindern

Von Rose Gerdts-Schiffler

BREMEN. Bremen, Paris, Brüssel – und dann Badja. Ein winziges Dorf in Togo, nur mühsam mit dem Landrover zu erreichen und weit weg von jeglichen Annehmlichkeiten, die die Zivilisation einer jungen Frau zu bieten hat. Fünf Monate ist die Bremer Lehramtsstudentin Rebecca Rath in eine andere Welt eingetaucht – eine Welt, die für 200 Waisenkinder zur neuen Heimat wurde.

Die 27-jährige Bremerin war schon weit herumgekommen, als sie sich im vergangenen Jahr aufmachte, nach Togo zu reisen, um dort mit den 200 Kindern zu arbeiten. „Ich wollte mal einen anderen Blickwinkel einnehmen und verstehen, wie Menschen aus einer ärmeren Region uns Europäer sehen“, sagt sie.

Schon die Hauptstadt Togos, Lome, barg Überraschungen. Viele Bewohner schöpften ihr Wasser aus Brunnen. Nachts lagen große Teile der Stadt im Dunkeln. Die Frauen trugen schwere Lasten auf den Köpfen. Die Straßen, so schien es Rebecca Rath, waren in katastrophalem Zustand.

Der Eindruck relativierte sich, als Adele Sodji, die rührige Ehefrau des Dorfgründers, mit ihr ins 50 Kilometer entfernte Badja aufs Land fuhr. „Ohne Landrover hätten wir keine Chance gehabt, da hinzukommen“, erzählt die Studentin.

Nach einigen Stunden Fahrt über Pisten und durch tiefe Schlaglöcher hielt der Wagen vor einer kleinen Siedlung im Nirgendwo. Rebecca Rath. „Wir waren sofort von Dutzenden neugieriger Kinder umringt.“

Die Bremerin Sigrid Stiering vom Verein „Lebenschance“ hatte die Lehramtsstudentin auf die einfachen Häuser und Lebensbedingungen der Kinder und Lehrer vorbereitet, doch für die 27-Jährige war es dennoch eine gewaltige Umstellung. „Schulter an Schulter schlafen bis zu 60 Kinder auf Matten in einem Raum.“ Ihre Habseligkeiten, die pro Kind nicht mehr als eine Tüte umfassen, hängen sie morgens an Haken an der Wand, neben den eingerollten, dünnen Matten. Auch das Essen bietet tagelang wenig Abwechslung.

Dennoch sind die Kinder im Vergleich zu vielen Gleichaltrigen privilegiert „Immer wieder stehen Frauen mit ihren Töchtern oder Söhnen vor der Tür und flehen den Leiter, den Togoer Roger Sodji an, ihr Kind aufzunehmen, da sie es nicht mehr versorgen können“, berichtet Rebecca Rath, Andere Jungen und Mädchen seien Opfer der in dem Land weit verbreiteten Haltung, die Kinder eines neuen Partners nicht zu akzeptieren.

„Umso erstaunlicher ist es, dass es nicht trist und traurig in Badja zugeht.“ Vielmehr unterstützten sich die Kinder gegenseitig. Tief beeindruckt zeigte sich Rebecca Rath von der Fröhlichkeit der Waisen, die so gar nicht zu ihren Lebensumständen zu passen scheint. Morgens unterrichtete Rebecca Rath Englisch, nachmittags Kunst – ein Fach, das die Kinder bislang überhaupt noch nicht kannten. Gemeinsam mit ihren Klassen verschönerte die Bremerin die Außenwände der Schule.

Im vergangenen Herbst hatten Roger Sodji, der viele Jahre in Bremen lebte und dann nach Togo zurückkehrte, sowie der Verein „Lebenschance“ einen Landwirt ‚eingestellt. Mit diesem Fachmann bauen die Jugendlichen gerade eine bescheidene Obstplantage auf. Sie sollen die Möglichkeit einer Ausbildung erhalten. Die Mädchen können den Beruf der Schneiderin in dem Kinderdorf erlernen.

Fünf ältere Schüler, darunter auch der etwa 15-jährige Amen, haben derart gute Zeugnisse, dass Roger Sodji sie in Lome auf dem Gymnasium anmelden möchte. Für sie suchen Rebecca Rath und die Bremer Vereinsmitglieder noch Paten. Für die fünf Schüler wäre es, ganz nach dem Motto des Vereins, die Chance des Lebens.

Am Mittwoch, 5. März, hält Rebecca Rath im Forum Überseemuseum um 20 Uhr einen Vortrag über das Dorf der Kinder. Weitere Informationen erteilt Sigrid Stiering unter der Telefonnummer 513661.