Grollander Verein baut Dorf in Togo

 

Lebenschance hat aus einer maroden Hütte in zehn Jahren eine Stadt für 300 Waisenkinder gemacht

VON JEAN-CHARLES FAYS

Grolland. Es begann mit 20 Kindern in einer von Termiten zerfressenen Hütte nördlich von Togos Hauptstadt Lome. Der Grollander Verein „Lebenschance“ entwickelte sie weiter: Aus der Baracke wurde ein Schulgebäude, aus dem Schulgebäude ein Waisenhaus, aus dem Waisenhaus ein Waisenkinderdorf. Nach zehn Jahren leben dort 300 Kinder. Aus Dankbarkeit über die Vereinsvorsitzende Sigrid Stie- ring und ihre Spender gab Gründer Roger Sodji dem Waisenkinderdorf den Namen Yovokop6 – Dorf der Weißen.

Um das Dorf der Weißen zu verstehen, muss man Roger Sodji verstehen: Er ist als einer der Jüngsten von 14 Geschwistern in einem Dorf bei Lome auf gewachsen. Um das Gymnasium zu besuchen, zog er mit 16 zu seinem Onkel nach Lome. Doch die Herberge gab es nicht umsonst. „Ich musste die ganze Hausarbeit machen und wurde behandelt wie ein Sklave“, sagt der47-Jäh- rige in einem Mix aus Französisch und Deutsch. „Man schläft sehr wenig und ist sehr müde. Man muss ein Genie sein, um das mit dem Lernen zu vereinbaren“, erinnert er sich, als er zum zehnten Geburtstag von Lebenschance zur Vorsitzenden Sigrid Stiering nach Grolland kommt und über die Gründung des Vereins sinniert.

Sodji wollte eine faire Chance – nicht nur für sein Leben, sondern für alle Kinder in Togo. Daher rührt der Vereinsname. Da Sodji diese Lebenschance in seiner eigenen Jugend aber nicht sah, nahm er als 20-Jähriger allen Mut zusammen und wan- derte aus. Er schlug sich durch bis nach Südfrankreich, arbeitete dort ein paar Jahre als Landarbeiter auf dem Bauernhof, um parallel das BWL-Studium zu finanzieren. Als es Ärger mit dem Visum gab, zog es ihn nach Bremen, wo er 1990 bei Kön- ecke in Sebaldsbrück anfing und 14 Jahre lang Hilfsarbeiter war. „Ich sparte ein bisschen Geld und kaufte Land in der Region Badja bei Lome“, sagt der Togolese, während er auf Stierings Wohnzimmer-Couch sitzt. Seine Worte sind leise. Seine Augen glänzen, als ob er vom Beginn einer lange gehegten Leidenschaft spricht. Stiering erklärt vis ä vis vom Sessel, dass Sodji viel zu bescheiden ist. „Er kloppte Schicht um Schicht und sparte so lange, bis er sich in Togo ein Stück Land leisten konnte.“

Der Afrikaner erwarb nicht nur das Grundstück, sondern gründete auch die „Association Mieux Etre Pour Tous“ (AMEPT), um die gemeinnützige Arbeit rechtlich abzusichern. Mit der Nichtregierungsorganisation baute Sodji eine Schule aus Holzpfählen und Bastmatten und stellte Lehrer an. Die Holzhütte, die 20 Kindern als Schule diente, sollte erst der Anfang sein. Der AMEPT-Vorsitzende hatte eine größere Vision für sein Land. Die pensionierte Verwaltungsbeamtin Sigrid Stiering sollte ihm helfen, diese zu verwirklichen.

Das Projekt Lebenschance war bereits ein Jahr alt, als Sodji in den Weltladen kam und bei der Spendenakquise auf die ehrenamtliche Verkäuferin Sigrid Stiering traf. Sie riet ihm, Briefe an Institutionen wie „Ein Herz für Kinder“ zu schreiben. Da Sodji in der deutschen Rechtschreibung aber noch unsicher war, half ihm Stiering. Sie ergänzten sich blendend. Wo der Afrikaner sich im Bürokratiedschungel zu verirren drohte, kannte die Verwaltungsfrau jede Abkürzung. Was Stiering sich vornahm, setzte sie um. Im Formulieren von Anträgen war sie Profi. So dauerte es auch nicht lange, bis die Hilfsorganisation „Ein Herz für Kinder“ 14 000 Euro überwies.

Stiering war das fehlende Teilchen in Sodjis Puzzle. Spende um Spende nahm ihre Bedeutung bei „Lebenschance“ zu. Von der Schriftführerin arbeitete sie sich hoch bis zur Vorsitzenden. Als Sodji 2004 nach Togo zurückkehrte, war sie für das gesamte Vereinsmanagement verantwortlich. Sodji sorgt in Yovokope seither dafür, dass die Spenden korrekt eingesetzt werden. Dass er in seine Heimat zurückkehren konnte, ermöglichte ihm die Bremer Stiftung „Bresche“. Sie finanziert seinen Lebensunterhalt, damit er sich in Vollzeit um seine sozialen Projekte kümmern kann. Die Zeit nutzte er, um mit AMEPT Ausbildungsstätten in Lome zu bauen.

Sodji ist seinem Ziel näher denn je

In dem bis weit über die Grenzen Lomes bekannten Waisenkinderdorf Yovokope kämpft er mit dem Bewerberansturm und handelt nach dem Motto: „Wenn eine Unterkunft für 20 Kinder ausgelegt ist, dann passen da auch 30 rein.“ Sodji sagt, die Kinder seien es gewohnt, auf dem Boden zu schlafen und rückten dann einfach enger zusammen. Die 72-Jährige sieht den 47-Jährigen daraufhin streng an und mahnt: „Er hat aber versprochen, dass damit jetzt Schluss ist. Mit 300 Kindern ist der absolute Aufnahmestopp erreicht.“

Auf Sodjis 50 Hektar großem Land sind rund um die Schule 20 Hektar für die Landwirtschaft kultivierte Agrarfläche, zwei Wasserauffangbecken ein Fußballplatz und mehr als 30 Gebäude entstanden. Darunter ein Personalgebäude für die 30 Erwachsenen, eine Krankenstation, eine Näh- werkstatt, Kiosk, Bibliothek und ein Vorratslager für Getreide. Sodji ist seinem Ziel heute näher denn je. Verwirklicht hat er seine Vision aber erst, wenn Yovokope nicht mehr am Tropf von Lebenschance hängt. Solange braucht er die Unterstützung der Bremer Spender. Die laufenden Kosten für den Erhalt und die Weiterentwicklung des Weißen Dorfs sind immens. Bankverbindung des Vereins Lebenschance: Deutsche Bank, Bankleitzahl 29070024, Kontonummer 2022242