Die Hoffnung kostet 700 Euro im Monat

Ein Bremer Verein sorgt dafür , dass Waisenkinder in Togo ein Zuhause haben und zur Schule gehen können

Von Karen Adamski

Der Tuschkasten war ein voller Erfolg. „Die Kinder kannten so etwas gar nicht“, sagt Kai Uwe Bohn. Stolz halten die Grundschüler nach dem Malunterricht ihre selbst gemalten Werke in die Kamera des deutschen Fotografen. Das Bild ist eines von vielen, die die Mitglieder des Vereins „Lebenschance“ von ihrer letzten Reise aus Togo mitgebracht haben: Dort unterstützt die Bremer Initiative ein Kinderheim. 30 Waisen bekommen mit ihrer Hilfe nun regelmäßige Mahlzeiten und eine Schulausbildung.

Die Hilfe der Bremer wird dringend gebraucht. Togo ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die Trinkwasserversorgung auf dem Land ist zum Teil katastrophal. Oft ist weit und breit keine Schule vorhanden oder die Familien können das Schulgeld nicht bezahlen. Arbeitslosigkeit, Trockenheit und Hunger beherrschen den Alltag. Es gibt viele Kinder ohne Eltern, die kaum versorgt werden. „Die Armut ist unvorstellbar groß“, sagt Kai Uwe Bohn, der für die Öffentlichkeitsarbeit des kleinen Vereins zuständig ist.

In der Region Badja nördlich der Hauptstadt Lome allerdings haben die Menschen wieder Hoffnung. Seit inzwischen zwei Jahren unterstützt „Lebenschance“ hier das Waisenhaus und die dazu gehörige Schule. Beide Einrichtungen bestehen seit Mitte der neunziger Jahre. Gegründet wurden sie ebenfalls von einem Bremer: Roger Sodji, gebürtiger Togolese, hatte 1995 in seiner Heimat ein Stück verwildertes Land gekauft und Schule und Waisenhaus gebaut. Er besucht das Projekt regelmäßig, hilft beim Bau neuer Gebäude und sorgt dafür, dass die Spenden auch wirklich dort ankommen, wo sie hin sollen.

„Es ist unglaublich, was wir in den vergangenen Jahren alles auf die Beine gestellt haben“, sagt Siegrid Stiering, die ebenfalls zu den aktiven Mitgliedern des Vereins gehört.

Inzwischen werden vier Schulklassen in Badja unterrichtet. 30 Waisen leben in der Einrichtung, insgesamt besuchen 100 Schüler die Schule. Nicht alle kommen täglich zur Schule – oft sind die Kinder vor Hunger zu entkräftet, um den Schulweg zurücklegen zu können.

Die Gebäude sind nur mit dem Nötigsten ausgestattet, fließendes Wasser gibt es nicht. Seit dem vergangenen Sommer allerdings hat sich eine Menge getan. Damals schickte der Verein einen ganzen Container voller Hilfsgüter nach Badja – mit Schulmöbeln, Kleidung, Matratzen. Und mit vielen, vielen Fahrrädern: Sie machen die Verbindung zwischen den Dörfern besser, denn ein Auto hat in dem kleinen Ort niemand. Besonders für die Lehrer, die aus umliegenden Orten kommen, sind die Räder eine große Erleichterung – einer von ihnen legte seinen 20 Kilometer langen Weg zur Arbeit bislang zu Fuß zurück. Und zwar täglich.

Um den Empfang der Spenden zu organisieren, reisten im vergangenen Sommer zwei Vereinsmitglieder nach Togo. Sie nutzten den Aufenthalt, um eine Zisterne und ein zweites Schulgebäude zu bauen. Es besteht allerdings bisher nur aus Bast und Stroh – eine Notlösung, bis genug Geld für ein stabiles Steinhaus da ist. Die Felder rund um die Schule werden landwirtschaftlich genutzt, so dass die Versorgung der Kinder gesichert ist. Zum ersten Mal wurden in diesem Jahr auch Ananas angepflanzt, die nicht für den Eigenbedarf gedacht sind, sondern verkauft werden sollen, erzählt Siegrid Stiering.

Das Landesamt für Entwicklungszusammenarbeit spendete einen Traktor, den der Verein im Januar verschiffte. Er erleichtert die Arbeit auf den Feldern enorm. Zudem finanzierte eine Bremer Stiftung den Bau eines Regenwasser-Rückhaltebeckens. Das dort aufgefangene Wasser dient zur Bewässerung der Felder und als Brauchwasser. Nutzen dürfen es nicht nur die Schulkinder, sondern die gesamte Bevölkerung der Region. „Jetzt geht es dort wirklich voran“, sagt Siegrid Stiering.

Das gilt auch für das zweite, ebenfalls von Sodji auf die Beine gestellte Projekt, das die ‚; Bremer finanzieren: In der Hauptstadt Lome werden junge Togolesen kostenlos zu Sekretärinnen und Zollarbeitern ausgebildet. Ihnen brachten die Bremer im vergangenen Jahr Computer und Schreibmaschinen mit. Es ist die einzige kostenlose Ausbildung in der Hauptstadt. „Bereits vier Jahrgänge haben die Ausbildung abgeschlossen“, sagt Kai Uwe Bohn. „Und bis jetzt haben auch alle Arbeit gefunden.“ 35 Ausbildungsplätze gibt es in jedem Jahr, für den nächsten Durchgang liegen bereits 150 Anmeldungen vor.

Mit dem Erreichten aber geben sich die Bremer noch längst nicht zufrieden. Als nächstes soll in Badja eine Gesundheitsstation entstehen. „Wenn man da jemanden hätte, der zumindest medizinische Grundkenntnisse mitbringt, dann wäre den Kindern schon geholfen“, sinniert Siegrid Stiering.

Bisher können auch eigentlich harmlose Krankheiten oder Verletzungen kaum behandelt werden – das nächste Krankenhaus ist weit weg und außerdem unbezahlbar. Langfristig hoffen die Bremer außerdem, die Landwirtschaft rund um das Waisenhaus so sehr in Gang zu bringen, dass sich das Projekt mit den Erträgen selbst finanzieren kann.

Bis dahin aber ist Geld aus Deutschland nötig. Wenn auch nicht viel: Lediglich 700 Euro kostet die Finanzierung beider Projekte, inklusive der Gehälter für Lehrer, Hausmeister und Erzieher. Dennoch kämpft der Verein immer wieder darum, die Summe zusammen zu bekomdie jeden Monat einen Betrag von beispielsweise zehn Euro überweisen“, sagt Kai Uwe Bohn. „Das ist so wenig, dass man es kaum spürt – aber es bewegt eine Menge.“

Noch müssen die Vereinsmitglieder immer wieder Spender mobilisieren, Anträge schreiben, bei Firmen um Unterstützung für ihre Projekte bitten. Das kostet eine Menge Energie. „Aber der Erfolg gibt uns Recht“, sagt Kai Uwe Bohn. „Und es macht Mut, dass man auch andere Leute dazu bewegen kann, sich zu engagieren.“

Auch Siegrid Stiering hat ihr Engagement noch keine Sekunde bereut. „Mit vergleichsweise wenig Geld haben wir so viel bewegen können“, sagt sie. „Es kostet Zeit und Kraft – aber man kriegt auch ganz viel zurück. Weil man sieht, dass es funktioniert.“

Wer noch mehr über den Verein „Lebenschance“ wissen oder mit den Mitgliedern Kontakt aufnehmen möchte, findet unter der Internetadresse www.togo-hilfe.de ausführliche Informationen. Spenden sind bei der Bank 24, Bankleitzahl 290 700 24, Kontonummer 20 222 42 willkommen. Sachspenden kann der Verein zurzeit leider nicht annehmen.