DAS INTERVIEW: Unterstützung für Waisenkinder in Togo

 

Sigrid Stiering ist Vorsitzende des Vereins Lebenschance. Dieser unterstützt ein Projekt in Togo, das ein ganzes Dorf für Waisen ins Leben gerufen hat. Simon Sodji ist Vereinsmitglied und Sohn des Initiators.

Wie kommen Sie als Bremerin auf Togo?

Stiering: Ich habe vorher im Weltladen gearbeitet. Dann vor ein paar Jahren stand Simons Vater im Laden und berichtete von seinem Projekt, in Togo Land zu kaufen und aus einer Schule ein Dorf für Waisenkinder zu machen. Roger Sodji ist ein Mann mit Führungsqualitäten und hat uns überzeugt. Ich bin gelernte Verwaltungsfachkraft und habe anfangs geholfen, Anträge für Fördermittel zu stellen. Mittlerweile bin ich über zehn Jahre im Verein. Wir arbeiten als Kooperationspartner der „Association Mieux Etre Pour Tous“ zu.

Wie viel treiben Sie so auf?

Stiering: Wir brauchen jeden Monat umgerechnet etwas mehr als 2.500 Euro, damit das Projekt weiterläuft. Etwa 150 Spender überweisen mehr oder weniger regelmäßig Geld, viele fünf bis zehn Euro im Monat, manche auch regelmäßig höhere Summen.

Und wofür wird es ausgegeben?

Sodji: Neben der Versorgung der Waisen ist es auch wichtig, dass sich Menschen dort qualifizieren können und Arbeit haben. Etwa 50 Jobs haben wir dort geschaffen. Als mein Vater nach Togo zurück kam, kaufte er 20 Hektar Land und später mit Hilfe des Vereins noch einmal 60 Hektar. Lebenschance ist mittlerweile unser einziger Kooperationspartner.

Das war mal anders?

Stiering: Als früher die Gebäude gebaut wurden, waren auch Unternehmen mit dabei. Aber mittlerweile, wo wir langfristig Lehrergehälter und andere Unterhaltskosten zahlen müssen, können wir ja nicht einfach einen Kostenvoranschlag stellen.

Wie viele Kinder betreuen Sie dort?

Sodji: Anfangs waren es etwa 50, Mittlerweile leben etwa 500 Waisen im Dorf, die die Schule besuchen können, ohne bezahlen zu müssen, wie sonst in Togo.

Glauben Sie, mit Projekten wie Ihrem lassen sich Fluchtursachen bekämpfen?

Stiering: In begrenztem Maße. Das ist ja eher ein kleines Projekt, gemessen daran, dass im ganzen Land die Arbeitslosigkeit hoch ist, es an sanitären Einrichtungen und medizinischer Versorgung mangelt und die Menschen arm sind.

Warum machen sich dann nicht mehr Togolesen etwa auf den Weg nach Europa?

Sodji: Ich bin in Bremen aufgewachsen und mit zehn Jahren mit meiner Familie nach Togo gegangen und studiere jetzt in Vechta. Ich kenne viele, die, nicht so wie ich, hier studieren können. Es gibt, grob gesagt, zwei Gruppen. Die einen begeben sich auf das Abenteuer mit ungewissem Ausgang und dem Risiko, wieder zurückgeschickt zu werden. Die anderen sagen, hier sind die Bedingungen, etwa Arbeit zu finden oder eine Familie zu gründen, schlecht, aber hier habe ich Familie und Freunde, mein ganzes soziales Umfeld. Um die eigene Verwandtschaft, alt und jung, muss man sich ja auch kümmern. Die Waisen haben dort ja nicht so jemanden.

Für die Kinder im Dorf übernimmt das der Verein Lebenschance. Wie sieht Ihre Arbeit aus, Frau Stiering?

Stiering: Wir versuchen, Spendengelder aufzutreiben. Wir sind etwa 35 Vereinsmitglieder, darunter die klassischen Vereinsfunktionäre wie Kassenwart, Vorsitzende und Schriftführer. Mal abgesehen von Simon ist unser jüngstes Mitglied 60 Jahre alt. Fast alle sind Frauen.

60 ist älter als der Bremer Durchschnittsengagierte, der zwischen 30 und 50 ist. Was machen Sie denn, wenn jemand abspringt?

Stiering: Dann haben wir ein Problem. Sehen Sie, das wichtigste sind natürlich die Menschen, die sich finanziell engagieren. Aber wenn Simon bald nach seinem Studium wieder nach Togo geht, müssen wir mal schauen. Wir sind auf das Engagement angewiesen, ebenso wie auf Spenden. Auch hier sind die meisten Spender älter.

Viele Menschen sind skeptisch, wenn es um Spenden geht und befürchten, dass Gelder nicht ankommen könnten, wo sie eigentlich hin sollten.

Stiering: Wir kennen diese Skepsis. Aus diesem Grund verschicken wir auch nicht große Container mit Altkleidern oder ähnlichem. Da zahlen Sie mitunter mehr für den Transport, als die Sachen dann wert sind, vorausgesetzt, Sie können das als Hilfsgüter überhaupt zollfrei verschicken. Wir haben auch mal Fahrräder geschickt. Wer weiß, wo die gelandet sind?

Was landet denn bei der Verwaltung?

Stiering: Bei Lebenschance sind wir alle ehrenamtlich tätig. Nicht einmal ein Prozent der Spenden müssen wir für die Verwaltung ausgeben.

 

Yovokope wurde vor 18 Jahren gegründet von Roger Sodji, der auch den Verein Lebenschance mit aufbaute. Das Dorf liegt 70 Kilometer nördlich von der Hauptstadt Lome. Nach einer Schule und Maisfeldern entstanden dort Unterkünfte, Brunnen und Zisternen, eine Krankenstation und eine Nähstube.